
Praxismanagement
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Die 6. Ausgabe der Deutschen Mundgesundheitsstudie offenbart nicht nur Positives. Neben dem Erfolg konsequenter zahnärztlicher Gruppenprophylaxe und Individualprävention weist sie laut Institut der Deutschen Zahnärzte auch erstmals die fatalen Zusammenhänge zwischen kardiovaskulären Problemen und der Mundgesundheit bei betroffenen Patienten nach. KZBV und BZÄK adressieren mit diesen Ergebnissen auch die Partner der Sondierungsgespräche für eine neue Bundesregierung.
Der in den vergangenen 35 Jahren von den niedergelassenen Vertragszahnärztinnen und Vertragszahnärzten sowie der verfassten Zahnärzteschaft propagierte Paradigmenwechsel weg von der kurativen hin zur präventiven Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde hat sich ausgezahlt. Dies konstatierten Martin Hendges, Vorsitzender des Vorstands der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), und Professor Christoph Benz, Präsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), Mitte März in Berlin bei der Vorstellung der Ergebnisse der 6. Auflage der Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS 6). Die DMS I als erste derartige bevölkerungsrepräsentative oralepidemiologische Studie basiert auf Daten von 1989/1992.
Wie Professor Rainer Jordan, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ), das die DMS verantwortet, darlegte, liege die Karieserfahrung laut DMS 6 bei 8- und 9-Jährigen bei 1,4 Zähnen, kariesfrei seien 59,9 Prozent. Die Karieserfahrung bei 12-Jährigen lag demnach bei 0,5 Zähnen, kariesfrei waren hier 77,6 Prozent. Bei den 35- bis 44-Jährigen kam es zu einer deutlichen Abnahme der kariesbedingten Füllungen, und die Karieserfahrung betrug 8,3 Zähne. 65- bis 74-Jährige wiesen eine Karieserfahrung von 17,6 Zähnen auf, die vor allem durch mehr Zahnerhalt bestimmt wurde, zahnlos waren 5,0 Prozent. Die Prävalenz der Wurzelkaries betrug bei den 35- bis 44-Jährigen 9,9 Prozent und bei den 65- bis 74-Jährigen 52,5 Prozent.
Für die DMS 6 hat das IDZ von 2021 bis 2023 an 90 verschiedenen Orten in Deutschland rund 4.000 Menschen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen in einer repräsentativen Erhebung befragt und zahnmedizinisch-klinisch untersucht. Die DMS 6 ist damit laut IDZ die größte systematische Erhebung ihrer Art in Deutschland.
Wie Benz angesichts dieser massiven Fortschritte bei der Mundgesundheit der Deutschen im Vergleich zu vor 35 Jahren betont, hätten sich die Zahnarztpraxen erfolgreich in die Position des „Personal Mundtrainers für die Patienten“ gebracht. Deutschland habe einen „radikalen Aufstieg in der Welt-Mundgesundheits-Liga von der Kreisklasse bis zur Weltspitze gemacht. Besonders hervorzuheben ist dabei auch, dass sich die Zahnärztinnen und Zahnärzte in Deutschland um Kinder und Jugendliche in einem doppelten Ansatz kümmern: Die Gruppenprophylaxe findet in Kitas und Schulen statt und wird verstärkt durch die Individualprophylaxe in den Praxen. Ebenso erreicht die zahnmedizinische Prävention Menschen mit Behinderung und immer besser auch pflegebedürftige Menschen.“
Dennoch könne sich niemand auf den Lorbeeren ausruhen. Denn: „Prävention ist ein lebenslanger Kampf gegen den Mundpflegeschweinehund“.
Aber nicht nur das: KZBV-CHef Hendges weist darauf hin, dass weiter soziale Ungleichheiten in Deutschland vorherrschten, die es aus sozialmedizinischer Sicht sinnvoll erscheinen ließen, die zukünftigen Präventionsstrategien konkret entlang der Lebensweltorientierung der bislang nicht erreichten Gruppen und Communitys auszurichten. Auch müsse die Gruppenprophylaxe in Kitas und Grundschulen konsequent weiterbetrieben werden – die coronabedingten Angebotslücken machten sich bereits bei bestimmten Kindern bemerkbar.
Dass Prävention aber mitnichten ein Selbstläufer sei, das schreibt sich Hendges mit Blick auf die laufenden Sondierungsgespräche zur Bildung der neuen Bundesregierung in Berlin auf die Fahne. Seit Langem ist der KZBV die seitens des Bundesgesundheitsministers Professor Kar Lauterbach (SPD) via GKV-Finanzstabilisierungsgesetz (GKV-FinStG) verfügte De-facto-Deckelung der kassenzahnärztlichen Honorare für Leistungserbringungen im Zuge der präventionsorientierten Parodontitistherapie für die Jahre 2023 und 2024 ein Dorn im Auge.
Die zum Juli 2021 in den GKV-Leistungskatalog aufgenommene, dreijährige PAR-Strecke sollte ein Juwel der zahnärztlichen Prävention werden. Lag die monatliche Starterzahl seitens der Patientinnen und Patienten 2022 noch bei 120.000, so sei diese Ende 2024 auf nunmehr 73.000 zurückgegangen, wie Hendges ausführt.
Positiv sieht Hendges, dass sich die maßgeblichen Parteien im neuen Bundestag laut Programm im Gesundheitsbereich der Prävention verschrieben haben. „Es muss der neuen Bundesregierung klar sein, dass Prävention im zahnärztlichen Bereich keine zusätzliche Kosten verursacht, sondern im Gegenteil massive Folgekosten verhindern kann. Daher muss die PAR-Strecke nun genauso gesetzlich verankert werden wie andere Leistungen der Individualprophylaxe!“, so Hendges.
Denn immerhin 14 Millionen Menschen in Deutschland litten an Parodontalerkrankungen. Zur argumentativen Unterfütterung seiner gesundheitspolitischen Forderungen schiebt Hendges nach, dass die Krankheitskosten allein für Karieserkrankungen von etwa 7,5 Milliarden Euro im Jahr 2004 auf aktuell rund 5,9 Milliarden Euro gesunken seien. Auch der Anteil an den Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung für vertragszahnärztliche Leistungen sei – trotz stetiger Ausweitung des GKV-Leistungskatalogs – in den vergangenen Jahren um mehr 30 Prozent gesunken und liege aktuell bei nur noch 5,8 Prozent. „Dies zeigt deutlich: Prävention wirkt – auch finanziell!“
„Zahngesundheit braucht Politik mit Weitsicht!“, ergänzt er. Zu dieser Weitsicht zähle es auch, für die gegenwärtige und zukünftige Zahnmedizinergenerationen Rahmenbedingungen zu schaffen, die das Studium und die anschließende Niederlassung weiter attraktiv machten – zum Beispiel mittels verschlankter Bürokratie und stringenter, durchdachter Digitalisierung des Gesundheitswesens. „Wir sind weder Kostentreiber noch brauchen wir Strukturreformen. Prävention lohnt sich, zeigt sich aber nicht am nächsten Tag“, so Hendges in Richtung Sondierende.
BZÄK-Präsident Benz vergleicht die gesundheitspolitischen Sondierungen mit einer Bahnfahrt – die Passagiere erwarteten eine zuverlässige Streckenführung: „Präsentiert uns keine Weichenstörung! Unser Appell an die Politik lautet: Lasst die Zahnmedizin in der Prävention einfach machen, weil wir wirklich wissen, was wir tun. Wer hier ohne Sachverstand eingreift, degradiert die Präventionsbekenntnisse in den Wahlprogrammen zu leeren Worthülsen.“
IDZ-Direktor Jordan lenkt den Blick angesichts der DMS 6 auf eine spezielle Zielgruppe: „Am beeindruckendsten erscheinen allerdings die Kariesergebnisse bei den jüngeren Erwachsenen. Die Gruppe der untersuchten 35- bis 44-Jährigen hat zum ersten Mal im Kindesalter bereits vollständig von der Individual- und Gruppenprophylaxe profitiert und ist im Geiste der zahnmedizinischen Prävention groß geworden. Jetzt sehen wir die nachhaltigen Ergebnisse, die über Jahrzehnte Bestand haben: Prävention wirkt! Zahnlosigkeit kommt in dieser Altersgruppe praktisch nicht mehr vor; erstmalig ist sogar ein nennenswerter Anteil dieser Menschen vollständig kariesfrei, nämlich fast 7 Prozent und der Anteil der Zähne mit einer Karieserfahrung hat sich halbiert, besonders der Anteil der Zahnfüllungen. Dies ist ein starker Hinweis auf die Wirksamkeit der Primärprävention der Karies im Kindes- und Jugendalter. Insgesamt sind in dieser Altersgruppe 26 von 28 Zähnen funktionstüchtig.“
Rückblick: Das zu Jahresbeginn 1989 in Kraft getretene Gesundheitsreformgesetz (GRG) und der darin verankerte Paragraf 21 SGB V ebneten den Weg zur ersten bundesweiten gesetzlichen Regelung zur Verhütung von Zahnerkrankungen (Gruppenprophylaxe) bei Kindern und Jugendlichen bis zum 12. Lebensjahr. Mit dem Gesetz zur GKV-Gesundheitsreform 2000 wurde die Zielgruppe der Gruppenprophylaxemaßnahmen auf Jugendliche bis zum 16. Lebensjahr ausgedehnt, sofern bei diesen ein überproportional hohes Kariesrisiko vorliegt.
Bei den jüngeren Seniorinnen und Senioren zeichnet sich laut Jordan ein etwas anderes Bild ab. Diese seien noch nicht in der Ära der Prävention groß geworden. Dennoch profitierten auch sie vom präventiven Paradigmenwechsel, und zwar im Sinne der Sekundärprävention. Für Karies und Parodontitis bedeute dies, den Zahnverlust zu vermeiden. Den 65- bis 74-Jährigen fehlten heutzutage durchschnittlich noch 8,6 Zähne, 1997 seien es noch 17,6 Zähne gewesen.
Als „unerwartet“ bezeichnet Jordan die Ergebnisse in puncto völliger Zahnlosigkeit. „Über viele Jahrzehnte wies etwa jeder Fünfte der 65- bis 74-Jährigen keine eigenen Zähne mehr auf. Erst in der Fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie vor 10 Jahren hatte sich der Anteil zahnloser jüngerer Seniorinnen und Senioren auf 12 Prozent halbiert. Jetzt hat sich dieser Anteil erneut halbiert, sodass heute nur noch 5 Prozent dieser Altersgruppe zahnlos sind. Das ist – auch weltweit betrachtet – ein absoluter Spitzenwert.“
Der Trend zu deutlich mehr Zahnerhalt habe, wie Jordan ergänzt, erhebliche Auswirkungen auf die zahnprothetische Versorgung. „Wir sehen hier quasi einen weiteren Paradigmenwechsel, denn mittlerweile sind jüngere Seniorinnen und Senioren hauptsächlich mit festsitzendem Zahnersatz versorgt, das sind Kronen und Bücken. Abnehmbarer Zahnersatz oder gar Totalprothesen sind deutlich rückläufig.“
Mehr Zähne in der Mundhöhle erhöhten aber andererseits gleichzeitig das Risiko für andere altersbedingte orale Erkrankungen. Dies betreffe vor allem die Wurzelkaries und Parodontalerkrankungen. Aktuell wiesen 85 Prozent der jüngeren Senioren in Deutschland eine Parodontalerkrankung auf – jeder Zweite eine Stadium-III- oder gar Stadium-IV-Parodontitis, also schwere Verlaufsformen. Stadium IV, das unbehandelt zum vollständigen Zahnverlust führen kann, liege bei gut einem Viertel der jüngeren Senioren vor.
Im Durchschnitt weise jeder parodontal Erkrankte mehr als 11 betroffene Zähne auf. Parodontal gesunde Verhältnisse sind, so Jordan, aber auch bei den jüngeren Erwachsenen im Alter von 35 bis 44 Jahren selten: Lediglich knapp 4 Prozent wiesen keine parodontalen Erkrankungszeichen auf. Der Anteil der Stadium-III- und IV-Erkrankungen, liege bei 17,5 Prozent.
„Insgesamt gehen wir davon aus, dass allein 14 Millionen Menschen in Deutschland eine schwere Parodontalerkrankung haben. In den letzten Jahrzehnten hat die Forschung gerade bei den Parodontalerkrankungen die Zusammenhänge von Zahn- und Allgemeingesundheit aufgezeigt. Wir haben diese Zusammenhänge in der DMS 6 erstmals auf Bevölkerungsebene untersucht und konnten feststellen, dass Menschen mit kardiovaskulären Erkrankungen im Durchschnitt zwei Zähne weniger aufwiesen, häufiger zahnlos waren und häufiger eine fortgeschrittene Parodontalerkrankung im Stadium IV hatten“, so Jordan
Die zahnärztliche Versorgungslage hierzulande sei allgemein gut, so ein weiteres Ergebnis der DMS 6. Demnach gaben 95 Prozent aller Studienteilnehmenden an, ihre Zahnarztpraxis sei wohnortnah und sie erhielten zeitnah einen Termin, hätten somit keine langen Wartezeiten. Ebenso viele Menschen gaben an, eine feste Zahnärztin oder einen festen Zahnarzt zu haben.
Für Jordan besteht dennoch Handlungsbedarf: „Alle chronischen Erkrankungen weisen einen sozialen Gradienten auf. Dies ist auch bei den oralen Erkrankungen so. Wenn ein zahngesunder Lebensstart ermöglicht wird, sind die Chancen gut, auch im Alter noch viele Zähne zu haben. Umgekehrt ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein unglücklicher zahnmedizinischer Start über den gesamten Lebensbogen bestehen bleibt und im Alter zu Zahnlosigkeit führt.“ Erfolgreiche Prävention sei daher der beste Schutz, „später auch noch kraftvoll zubeißen zu können“.
Weiterer intensiver Forschungsanstrengungen bedürfe es indes mit Blick auf die mit 15 Prozent bei Kindern hohe Prävalenz der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH). Da die Ursachen für die Entstehung der Kreidezähne bisher nicht abschließend geklärt seien, sei eine frühzeitige Diagnostik des Krankheitsbildes umso wichtiger. Dies unterstreiche einmal mehr die Bedeutung der Früherkennungsuntersuchungen, um die Eltern aufklären und für das Kind entsprechende Therapiemaßnahmen ergreifen zu können.
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